Wabi Sabi
Es gibt Momente im Training, die mir immer wieder tief zu denken geben. Es ist nicht die ausgeführte Technik, nicht die gelaufene Kata oder das Makiwara Training selbst. Es ist der Moment danach. Wenn der Atem noch schwer geht, Schweiss auf den Dojoboden tropft und gerade eine neue Erkenntnis gefunden worden ist. In diesem Moment, in dieser schönen, ehrlichen Unvollkommenheit, lebt der wahre Geist unseres Weges. Hier finden wir Wabi Sabi.
Wabi Sabi ist eine Denkweise, eine Haltung zum Leben und zum Lernen, die tief mit dem Weg des Karate-Do verwoben ist. Jeden Tag begegne ich in meinem Dojo dem «Wabi Sabi» und es lehrt mich oft mehr, als ich Euch lehren kann.
Aber was ist Wabi Sabi?
Es ist das perfekte Unperfekte, die Wertschätzung der unvollkommenen, vergänglichen und unvollständigen Schönheit.
Nach vielen Jahren habe ich zum Jahresabschluss mit meinem besten Freund und Begleiter des Karate-Do, Kumite trainiert. Wir sind beide etwas älter, nicht mehr 20 oder 30, Kraft und Schnelligkeit haben etwas nachgelassen…. Aber genau hier erkennen wir den Umgang mit Wabi Sabi das aus Mujo, Fukanzensei und Fukan besteht.
Für dieses wunderbare und inspirierende Training mit meinem Freund und Begleiter bin ich so dankbar.
Der vergängliche Körper und der ewige Geist (Mujo)
Mujo bedeutet die Unbeständigkeit aller Dinge. Nichts bleibt. Mein Körper ist die lebendige Lektion darin. Der junge, flexible Körper des 25-jährigen Rolf ist heute mit fast 60 Jahren etwas steifer. Die Schnelligkeit von früher hat sich verwandelt. Verletzungen und andere Einflüsse haben mein Training verändert.
Als ich jünger war, kämpfte ich gegen Mujo. Ich wollte an meiner Kraft, meiner Schnelligkeit festhalten. Doch im Dojo lehrt uns jede Trainingseinheit das Gegenteil: Jeder Tritt, jeder Schlag, jede Anstrengung ist ein einmaliger, vergänglicher Moment. Die perfekte Ausführung von gestern ist heute Geschichte. Sie muss heute neu geschaffen werden, mit dem Körper von heute.
Was heißt das für mich?
Es bedeutet, den gegenwärtigen Körper zu ehren – so wie er ist. Mein Training heute sieht nicht aus wie das von vor fünf oder zehn Jahren und wird auch nicht aussehen wie das in fünf oder zehn Jahren. Und das ist in Ordnung. Mujo befreit uns vom Vergleich mit unserem früheren Ich oder mit Anderen. Es lehrt uns, jeden Tag im Dojo anzukommen, so wie wir sind und mit dem zu arbeiten, was da ist. Die Schönheit liegt im engagierten, vergänglichen Jetzt der Anstrengung.
Die Anerkennung der Unvollkommenheit: Fukanzensei
Ich sehe heute mein Dojo als einen heiligen Raum des „Nicht-Perfekten“.
Als ich mit meinem Freund und Begleiter an diesem Tag Kumite trainiert habe und wir haben beide sehr sehr viel Erfahrung im Kumite, erkannte ich wieder Wabi Sabi.
Ich denke an mein allererstes Kumite Training: holprig, die Stellungen nicht optimal, die Distanzen mal zu weit, mal zu nahe. Nach dem 100. Mal war es besser, aber immer noch nicht „perfekt“. Nach dem 1000. Mal erkenne ich Feinheiten, die ich korrigieren kann. Es gibt kein Ende. Auch mit 60 Jahren erkenne ich immer noch Verbesserungsmöglichkeiten.
An diesem Tag war ich sehr glücklich und Wabi Sabi hat mich wieder ein Stück weitergebracht.
Wir üben «Kintsugi» an unserem Können: Wir erkennen die Risse und Unvollkommenheiten an und reparieren sie nicht mit unsichtbarem Kleber, sondern heben sie mit der goldenen Farbe unserer Aufmerksamkeit hervor. Sie werden Teil unserer einzigartigen Geschichte als Kampfkünstler. Mein Karate ist nicht dazu da, perfekt zu werden oder perfekt zu sein. Es ist dazu da, echt und authentische zu werden – mit allen Ecken, Kanten und wunderbaren Unvollkommenheiten, die das Alter mit sich bringt.
Die Kunst des Unfertigen (Fukan)
Fukan ist die Qualität des Unfertigen, Bescheidenen und Zurückhaltenden. Es ist die Leere, die Raum für Wachstum lässt. Das Unvollendete, das zur Vervollkommnung einlädt.
Am Ende unseres gemeinsamen Trainings verbeugen wir uns und sagen „Oss!“ oder „Arigatou gozaimashita!“. In diesem Moment ist die Trainingseinheit formal beendet, aber mein Weg ist es nicht. Die Techniken, die wir geübt haben, sind nicht „abgehakt“. Sie sind als Samen in mir gepflanzt. Sie werden in meinem Unterbewusstsein weiter reifen, bis zum nächsten Mal. Das Dojo ist nach dem Training leer und still – aber diese Leere (das Ma) ist voll von den Nachwirkungen unserer gemeinsamen Energie und dem Versprechen des morgigen Trainings.
Als Sensei ist Fukan meine wichtigste Leitlinie im Unterricht:
Ich sehe mich nicht als jemand, der Euch „vollständig“ macht oder Euch mit Wissen „auffüllt“. Meine Aufgabe ist es, einen Raum zu halten – einen Raum der Leere, in dem Ihr wachsen könnt. Ich gebe Impulse, korrigiere, stelle Fragen. Aber die wahre Arbeit, die Integration, geschieht in Euch. Meine beste Lektion ist manchmal die, bei der ich am wenigsten rede und einfach den Raum für Eure eigene Entdeckung öffne.
Wie wir Wabi Sabi gemeinsam im Dojo leben können:
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- Trainiere den Körper von heute. Zwinge ihn nicht in die Form von gestern. Höre auf ihn. Respektiere seine Grenzen, feiere seine Möglichkeiten – genau jetzt.
- Umarme die Übung, nicht nur das Ergebnis. Die 99 „misslungenen“ Vorwärtsbewegungen (Yori-Ashi) sind nicht Niederlagen. Sie sind die 99 Schritte, die den 100., den besseren Schritt möglich machen. Der Prozess IST der Weg.
- Säubere das Dojo mit Hingabe. Das Soji, das Reinigen der Matte, ist die ultimative Wabi-Sabi-Praxis. Wir pflegen den Ort, der unsere Unvollkommenheiten trägt, der unsere Schweißtropfen und unsere Anstrengung aufnimmt. Wir ehren den Raum, der uns unfertig sein lässt.
- Sei ein lebendiges Kintsugi. Lass Deine Trainingsnarben, Deine kleinen Verletzungen, Deine hart erkämpften Fortschritte Teil Deiner Geschichte sein. Erzähle sie nicht als Geschichten des Scheiterns, sondern als goldene Reparaturen Deines Charakters.
In unserem Streben nach technischer Exzellenz dürfen wir nicht vergessen: Die perfekte Kata existiert nicht. Der unbesiegbare Körper existiert nicht. Der Meister, der nichts mehr zu lernen hat, existiert nicht.
Was existiert, ist dieser atemlose, schweißnasse, unvollkommene und absolut wahre Moment auf der Matte. Der Moment, in dem Du trotz Müdigkeit weitergehst. Der Moment, in dem Du einen Fehler machst, innehältst, Dich verbeugst und von vorne beginnst. Der Moment der Stille nach dem gemeinsamen Kiai.
Das ist Wabi Sabi. Das ist unser Weg.
Euer
Rolf
© Beitrag von Rolf Oppenberg









