„Fit“ und „Gesund“ ist nicht dasselbe

„Fit“ und „Gesund“ ist nicht dasselbe

Mit meinen 59 Jahren trainiere ich seit vielen Jahrzehnten und stehe fast täglich in meinem Dojo.

Auch heute absolviere ich wieder mein persönliches Trainingsprogramm. Es ist noch immer intensiv, aber weit weniger als vor einigen Jahren. Es ist vor allem mental fordernd. Die Gesundheit, das Alter und die Narben des harten Trainings, lassen es nicht mehr zu wie früher.

Ich habe hunderttausende von Zukis ausgeführt, unzählige Kihon Varianten und hunderte von Kämpfen bestritten, die mich zum Teil bis ans Limit und darüber hinaus gebracht haben. Es gab Trainingseinheiten, da bin ich auf den Knien aus dem Dojo gekrochen, die Beine haben mich einfach nicht mehr getragen. Als Soldat habe ich wahrscheinlich eine der härtesten Ausbildungen absolviert, die es gibt. Ganze sieben Jahre lang…….

Ja, ich war, wie so viele sagen jung, topfit und gesund.

Wenn ich heute in den Spiegel meines Dojos schaue, sehe ich nicht mehr den jungen, topfitten, gesunden und unbesiegbaren Kämpfer von damals. Ich sehe einen Handwerker. Einen Handwerker, der gelernt hat, mit dem Werkzeug zu arbeiten, das er hat, was ihm zur Verfügung steht.

In all den Jahren habe ich eine fundamentale Wahrheit gelernt, die ich mit euch teilen möchte:

„Fit“ zu sein ist nicht dasselbe wie „Gesund“ zu sein.

Im Westen haben wir diese beiden Begriffe verschmolzen. Wir sehen einen durchtrainierten Körper und nennen ihn gesund. Wir messen Fitness anhand von Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer, an der Fähigkeit, den nächsten Gegner zu besiegen oder den nächsten Sprint zu absolvieren.

Aber Karate ist nun mal älter als dieser oberflächliche Fitnesswahn. Karate ist eine Lebensschule.

Lasst mich euch eine Geschichte aus Japan erzählen, die dieses Konzept perfekt erklärt: Kintsugi.

Kennt ihr das? Wenn eine wertvolle Teeschale zerbricht, wirft der Japaner sie nicht weg. Statt sie mit unsichtbarem Kleber zu reparieren, um sie wieder „wie neu“ aussehen zu lassen, nimmt er flüssiges Gold oder Silber und füllt die Risse. Das Gefäss ist danach nicht mehr makellos. Es ist nicht mehr „perfekt“ fit im Sinne von unversehrt. Aber es ist funktional. Es hält Wasser. Es erfüllt seinen Zweck. Und mehr noch: Es ist jetzt wertvoller als zuvor, denn die goldenen Risse erzählen eine Geschichte. Sie sind der sichtbare Beweis für die Reise, die es überstanden hat.

Wir Karatekas sind diese Tassen. Wir sind zerbrochen. Nicht innerlich, sondern im wortwörtlichen Sinn.

Haben wir nicht alle unsere Risse?

Das Knie, das nach dem zehnten Mawashi-Geri schmerzt
– Die Schulter, die nie wieder die alte Bewegungsfreiheit haben wird
Die Erinnerungen an die Niederlagen, die uns geprägt haben
All die gebrochenen Rippen, Finger, Knöchel, Zehen und Nase
Die Spitalaufenthalte und Arztbesuche nach harten Kämpfen
 

Ich könnte hier noch vieles mehr ergänzen. Und trotz all diesen Verletzungen war ich sehr erfolgreich in dem, was ich liebe, das Ausüben von Karate und das vertiefte Ergründen des Karate-Do.

Die moderne Fitnessindustrie würde uns sagen: „Repariere dich! Werde wieder wie neu! Iss dieses Protein, mach dieses Workout, dann bist du wieder topfit!“

Aber das ist eine Lüge. Die Natur und die Zeit lassen sich nicht besiegen. Nach 53 Jahren intensiven Trainings kann ich euch sagen: Du wirst nie wieder „wie neu“ sein. Und das ist ein Geschenk.

Denn während der „Fitte“ verzweifelt versucht, seine Makellosigkeit zu bewahren (und daran scheitert), lernt der „Gesunde“ zu akzeptieren.

„Fit“ und „Gesund“ – der grosse Unterschied

Stellt euch zwei Karatekas vor:

Karateka A ist „fit“. Er ist 25, seine Muskeln sind hart, seine Sehnen elastisch. Er kann 200 Liegestütze machen und tritt bis zur Kopfhöhe. Äußerlich ist er das Bild der Perfektion.

Karateka B ist „gesund“. Er ist 65. Seine Bewegungen sind nicht mehr so rasant, die Sprünge sind kleiner. Er hat Narben und Arthrose. Aber wenn er Kime macht, dann bebt der Boden. Sein Atem ist ruhig, seine Präsenz ist überwältigend.

Was ist der Unterschied?

Karateka A hat einen funktionierenden, aber ungetesteten Körper.

Karateka B hat einen funktionierenden, getesteten, aber reparierten Körper.

Karateka A ist fit – aber ist er gesund? Gesundheit bedeutet nicht die Abwesenheit von Schmerzen. Gesundheit bedeutet die Fähigkeit, mit den Schmerzen umzugehen. Gesundheit bedeutet Resilienz. Es bedeutet, dass die goldenen Risse in deinen Gelenken und deinem Geist dich nicht schwächen, sondern dir Weisheit geben.

Wie sieht diese Kintsugi-Reparatur in unserem Training aus?

1. Anpassung statt Quälerei: Wenn dein Knie schmerzt, dann pass den Stand an. Senke deinen Tritt. Es geht nicht darum, den höchsten Tritt zu machen, sondern darum, den effektivsten Tritt zu machen, den dein Körper heute zulässt. Das ist nicht Schwäche, das ist Handwerkskunst.

2. Atmung statt Kraft: Mit zunehmendem Alter wird unser Chikara (Kraft) weniger, aber unser Kokyu (Atem) kann tiefer werden. Ein gesunder Karateka nutzt die Atmung, um die Lücken zu füllen, die die Jugend hinterlassen hat.

3. Geist über Materie: Der größte Riss, den wir reparieren, ist der im Ego. Der gesunde Karateka kämpft nicht mehr gegen den Jüngeren im Dojo, um zu beweisen, dass er stärker ist. Er kämpft gegen seine eigene Begrenztheit. Er nimmt die goldene Farbe der Erfahrung und füllt den Riss der Arroganz. 

Auch dies ist eine Erkenntnis aus meinem eigenen Training, es ist nicht schlechter, es ist anders geworden. Wie ein guter Wein der über viele Jahre gereift ist.

Und deshalb denke ich heute, wir werden mit dem Alter nicht schlechter im Karate, wir werden besser, viel besser. Einfach anders.

Euer
Rolf


© Beitrag von Rolf Oppenberg